Manager sprechen nicht gerne darüber, dass Angst sie in ihrer beruflichen Tätigkeit begleitet. Und doch ist dies der Fall, mehr vielleicht als in der Vergangenheit. Die Angst bezieht sich auf ihre persönliche Zukunft, auf ein mögliches Scheitern, auf einen Verlust ihrer Reputation, ja sogar auf einen möglichen sozialen Abstieg für sie und ihre Familien. Die Gründe für diese Angst sind vielfältig. Es handelt sich vor allem um die immer schneller werdenden Veränderungsprozesse in der Wirtschaft, die immer weiter ansteigende Komplexität in der Phase der Globalisierung aller Branchen, die immer grössere Zahl von Anspruchsgruppen, die Forderungen an die Unternehmungen und die Manager stellen, die schonungslose Beobachtung durch die Medien und die generelle Verunsicherung in der Welt nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001, der auch und in besonderem Masse die Manager ausgesetzt sind.
Reaktionen auf die im Vergleich zu früher unter Umständen weiter verbreiteteren Ängste sind nicht immer adäquat. Besonders ist zu beobachten, dass die Unternehmen die Manager vermehrt mit Unternehmensstäben umgeben. Diese versuchen, möglichst viele Risiken zu eliminieren, warnen die Manager vor allen möglichen Fehltritten und bearbeiten ihr Image in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig behindern sie jedoch unternehmerisch mutige Schritte eher und verursachen enorme Kosten. Die Gefahr besteht, dass insbesondere börsenkotierte Unternehmungen talentierte Führungskräfte verlieren, die sich lieber in privaten Firmen betätigen, wo sie mehr Freiheit besitzen und weniger der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Auch ist eine Tendenz zu beobachten, dass bei Managern kurzfristiges Denken Überhand nimmt, sowohl was ihre unternehmerische Aufgabe als auch die Dauer ihres Engagements in einer Managementposition betrifft. Nur ein bewusster Umgang mit der Ausbildung und dem Management-Alltag kann den Betroffenen helfen, besser mit ihren Problemen umzugehen.
Begriffliches
Angst ist kein Begriff, der in Gesprächen zwischen Managern traditionell sehr oft verwendet wurde. Auch haben sich nicht sehr viele Manager mit diesem Begriff näher auseinandergesetzt, auf jeden Fall nicht in Ansprachen an ihre Mitarbeiter oder gar an ihre Aktionäre und die breite Öffentlichkeit. Wenn überhaupt, dann im stillen Kämmerlein oder in schlaflosen Nächten. Und doch bin ich der Ansicht, dass in den letzten Jahren Angst in zunehmendem Masse zu einem ständigen Begleiter des heutigen Managers geworden ist.
Manager lieben eher einen anderen Begriff: Risiko. Das Wort «Risiko» ist in der Welt grosser Unternehmen im Allgemeinen positiv besetzt. Risiken bergen Chancen, Risiken werden bewusst eingegangen, Unternehmer sind Risikomanager, Risiko und Ertrag müssen in Einklang stehen, und was dergleichen viel gebrauchte Redewendungen sind. Risiken und der bewusste, wenn immer möglich kontrollierte und gewinnbringende Umgang mit ihnen gehören zum Kerngeschäft des Managers. Man spricht offen darüber. Auch dann, wenn Risiken nicht richtig eingeschätzt und Fehler gemacht wurden.
Der Begriff «Angst» jedoch bildet, wenn man so will, mit dem Begriff «Risiko» ein eigentliches Begriffspaar. Er setzt dem sehr sachlichen Begriff, der eine Situation mit unsicherem, schwer abzuschätzendem Ausgang schildert, ein eher diffuses Wort gegenüber, das persönliche Befindlichkeit beschreibt. Wenn ich in diesem Essay den Begriff Angst verwende, dann meine ich damit dieses Gefühl, das einen Manager beschleicht, wenn er nicht sicher ist, ob sein Lebensentwurf, seine beruflichen Zukunftsvorstellungen sich überhaupt noch verwirklichen lassen: Wenn er von der berechtigten oder vielfach auch unberechtigten Annahme ausgeht, dass er in seiner Aufgabe scheitern wird, dass er der Last der an ihn herangetragenen Ansprüche nicht mehr standhalten kann, dass seine berufliche und damit auch finanzielle Stellung in Gefahr ist, dass seine durch Jahre harter Arbeit aufgebaute Reputation bleibenden Schaden nehmen kann, oder ihm selbst und seiner Familie schliesslich sogar der soziale Abstieg droht.
Interessanterweise hat ja das Wort «angst» in den letzten Jahren auch in die englische Sprache Eingang gefunden und beschreibt gerade diesen diffusen Zustand im Gegensatz zum Wort «fear», dem viel eher eine konkrete Gefahrenquelle zugeordnet werden kann. Ist diese Ausleihung eines deutschen Wortes unter Umständen ein Hinweis darauf, dass insbesondere in den USA Befindlichkeiten eher von einem verbreiteten Optimismus dominiert werden als hierzulande? Eine oft geschilderte Beobachtung, auf die es sich lohnt, später noch kurz einzugehen.
Wessen Angst meine ich
Ich beschreibe hier meine Gedanken zu Angst im Management und meine dabei das Management grosser, international tätiger Konzerne. Nicht etwa, weil ich die Ängste der Unternehmer und Inhaber von kleinen und mittleren Betrieben nicht erwähnenswert finde, sondern ganz einfach, weil der Grosskonzern seit mehr als 25 Jahren meine Welt ist und ich meine Beobachtungen in diesem Umfeld mache. Es ist mir klar, dass Angst für den Einzelunternehmer viel schneller eine sehr existenzielle Bedeutung bekommen kann, da sein beruflicher Erfolg meist doch sehr direkt mit dem persönlichen Wohlstand und dem sozialen Prestige auch seiner Familie verbunden ist. Vieles von dem, was ich hier beschreibe, ist so oder ähnlich vielleicht auch auf die Befindlichkeit des Kleinunternehmers anwendbar. Mein persönlicher Erfahrungsschatz bezieht sich jedoch auf das multinationale Grossunternehmen und seine Top-Manager.
Das Management dieser Grossfirmen ist heute in aller Regel sehr international zusammengesetzt. Gerade in Schweizer Konzernen haben in den letzten Jahren Manager vieler Nationalitäten hohe und höchste Stellungen eingenommen; eine logische Konsequenz der jahrelangen Expansion dieser Unternehmen in allen grossen Märkten der Welt. Management-Teams sind also multikulturell zusammengesetzt und haben deshalb auch eine sehr unterschiedliche Befindlichkeit bezüglich Angst und der Einflussfaktoren. Insbesondere US-amerikanische Manager nehmen in Schweizer Unternehmen eine wichtige Stellung ein. Die stark zunehmende Bedeutung der asiatischen Märkte lässt den Schluss nahe, dass in Zukunft auch vermehrt asiatische Führungskräfte in Schweizer Führungsetagen Einzug halten werden. Ihre Ängste zu verstehen wird nochmals schwieriger werden.
Die Quellen der Angst
Wenn heute über Angst im Management geschrieben wird, so habe ich manchmal den Eindruck, dass viele Autoren immer wieder stillschweigend davon ausgehen, dass dies ein neues Phänomen sei. Ich bin hier gar nicht so sicher; denn ich kann mir nicht so recht vorstellen, dass zum Beispiel die Zwischenkriegszeit des letzten Jahrhunderts Führungskräften besonders erfreuliche Zukunftserwartungen offeriert hat. Tatsache ist jedoch, dass darüber in der Vergangenheit noch viel weniger gesprochen wurde als heute.
Auch wird Angst immer und ausschliesslich als negatives Phänomen geschildert. Angst setzt bekanntlich zusätzliche Energien frei und ist ein wichtiger Pfeiler erfolgreicher Überlebensstrategien. Somit ist die Frage nach der Reaktion auf Ängste wohl die entscheidende und nicht die Vorstellung, dass alle im angstfreien Zustand leben würden. Doch unter diesen Einschränkungen bin auch ich der Ansicht, dass Angst im Management heute weiter verbreitet ist als vielfach angenommen. Die Quelle dieser Angst kann endogen sein, also in der Führungsperson selber liegen. Ich möchte mich jedoch auf die exogenen Kräfte konzentrieren, die meiner Ansicht nach bei den heutigen Managern vor allem Ängste auslösen. Für mich stehen zurzeit vier wichtige Quellen der Angst im Vordergrund:
- Akzelerierte Veränderung und Globalisierung: Erstens haben sich in den letzten zehn Jahren die Veränderungsprozesse in der Welt und damit auch in der Wirtschaft massiv intensiviert und beschleunigt. Dieser akzelerierte Veränderungsrhythmus steht in direktem Zusammenhang mit der Globalisierung und der durch die Kommunikationstechnologie ermöglichten Vernetzung der Welt.
- Die immer grössere Zahl von Anspruchsgruppen: Zum zweiten ist die Zahl der Anspruchsgruppen exponentiell angewachsen, die Ansprüche an Unternehmungen und damit an deren Manager stellen. Da in der heutigen Welt des medialen Geschreis keine dieser Gruppen Zeit verliert, bei nicht vollständiger Berücksichtigung umso lauter auf sofortige Erfüllung zu pochen, erhöht sich der Druck auf das Management.
- Die mediale Beobachtung: Drittens muss die heutige Managergeneration mit einer neuen Erfahrung umgehen: der intensiven medialen Aufmerksamkeit. Heute kann sich ein Manager der uneingeschränkten Aufmerksamkeit der Medien sicher sein.
- Der 11. September 2001: Last but not least darf der 11. September 2001 auf keinen Fall fehlen. Dieses Ereignis hat weltweit enorme Zukunftsängste geweckt und die Einstellung zu Risiken und das Vertrauen darauf, diese erfolgreich zu bewältigen, tief erschüttert.
Reaktionsvarianten
Die wichtige Frage ist, wie wir auf diese Ängste reagieren. Ich kann drei Reaktionsvarianten beobachten:
- Die Reaktion der Institutionen: Manager und ihre Firmen reagieren auf diese Ängste in aller Regel mit organisatorischen, daher im weitesten Sinne auch bürokratischen Massnahmen. In den letzten Jahren haben Konzernstäbe in grosser Zahl die Manager in allen Richtungen umstellt. Viele dieser Stäbe bestehen aus professionellen Bedenkenträgern, die den Managern den letzten verbliebenen Rest an Mut und Unternehmertum austreiben.
- Der Teilrückzug der Talente: Immer wieder stelle ich fest, dass sehr talentierte Manager sich teilweise aus den am meisten exponierten Funktionen zurückziehen. Die Attraktivität der privaten im Vergleich mit den börsenkotierten Firmen steigt stark an. Wenn uns die Talente abhanden kommen, besteht das Risiko, dass sie durch andere ersetzt werden, die in ihrem unbändigen Wunsch nach Karriere alle Risiken unterschätzen oder die Eigenschaft verloren haben, Angst zu entwickeln.
- Die Verkürzung des Zeithorizontes: Planungshorizonte der Unternehmungen werden ständig kürzer. Nur kurzfristig umsetzbare Massnahmen, die im raschen Rhythmus der Quartalsergebnisse sichtbar werden, sind gefragt. Manager lassen sich immer weniger auf langfristige Verpflichtungen ein. Sie sichern sich ab, stellen massive finanzielle Forderungen und lassen sich so die Risiken – und damit ihre Ängste – teuer bezahlen.
Die Schlussfolgerung
Die Aufgaben des heutigen Managers sind sehr komplex geworden. Die im Management vermehrt zu beobachtende Verängstigung ist verständlich, doch eine einfache Lösung gibt es nicht. Ich bin der Überzeugung, dass nur ein sehr bewusster Umgang mit den Ängsten, sei es in der Management-Ausbildung oder in Diskussionen in den Teams, Erleichterung schaffen kann. Tatsache bleibt, dass wir in Zeiten erhöhter Unsicherheit leben. Nur Manager, die dies akzeptieren und auch dazu stehen, dass ihnen die Risiken oft Sorgen machen, können damit fertig werden.
PDF des Textes hier
Text aus dem Buch: Angst vor Gefahren oder Gefahren durch Angst?
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