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“THAT WHICH IS HATH BEEN BEFORE”: Texte, die gut altern

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Welt sich schneller dreht als je zuvor und wir ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Doch ist das wirklich so? Schon Shakespeare wusste: “That which is hath been before” – was heute ist, war alles schon einmal da, nicht genau gleich, aber oft doch sehr ähnlich. Ein Blick in frühere Publikationen der Progress Foundation zeigt, wie wenig sich die Kernfragen, die uns beschäftigen, und die Antworten darauf verändert haben. In dieser Reihe werden wir daher auf unserer Website verschiedene „Evergreens“ veröffentlichen, ohne Anpassungen an den Zeitgeist oder andere Umformulierungen, die zeigen, wie sehr die Diagnosen und Therapien von gestern auch heute noch als Inspiration dienen können.

Serie
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24.05.2026

Stärke der souveränen Gewalt

Alexis de Tocqueville schrieb diese Zeilen vor fast zwei Jahrhunderten – und man könnte meinen, er habe dabei auf die Gegenwart geschaut. Mit ruhiger Präzision beschreibt er, wie der Staat in demokratischen Gesellschaften dazu neigt, sich in alle Lebensbereiche auszudehnen: Er übernimmt die Fürsorge, die Erziehung, das Sparen, das Denken. Nicht durch Gewalt, sondern durch sanfte Allgegenwart – bis der Bürger aufhört, sich selbst zu helfen, und stattdessen stets auf den Staat blickt wie auf einen Schulmeister oder Lotsen. Tocquevilles Text ist eine Einladung, die schleichende Erosion der Eigenverantwortung mit frischen Augen zu betrachten.

Alexis de Tocqueville
aus: Konrad Hummler und Gerhard Schwarz (Hrsg.): Das Recht auf sich selbst. Bedrohte Privatsphäre im Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Freiheit. NZZ Verlag 2003. S. 63-67.

Europa hat seit einem halben Jahrhundert viele Revolutionen erlebt und viele Gegenrevolutionen, die es wieder in die entgegengesetzte Richtung getrieben haben. Alle diese Bewegungen aber haben eines gemeinsam: alle haben sie die Gewalten zweiter Ordnung erschüttert oder vernichtet. Lokale Freiheiten, die Frankreich in eroberten Ländern hatte bestehen lassen, sind schliesslich den Massnahmen der Fürsten, die Frankreich besiegt haben, zum Opfer gefallen. Diese Fürsten haben alle Neuerungen, die die Revolution bei ihnen eingeführt hatte, verworfen, ausgenommen die Zentralisation: diese allein waren sie beizubehalten bereit.

Was ich hervorheben möchte, ist: alle diese verschiedenen Rechte, die heute nach und nach Klassen, Körperschaften oder Menschen entrissen worden sind, haben nicht dazu gedient, neue Gewalten zweiter Ordnung auf demokratischer Ebene zu errichten, sondern sind von überall in die Hände des Souveräns zusammengeflossen. Allenthalben kommt der Staat immer mehr dahin, die geringsten Bürger selbst zu leiten und jeden von ihnen in den unbedeutendsten Angelegenheiten persönlich zu führen.

Fast alle Wohltätigkeitseinrichtungen des alten Europa lagen in den Händen Einzelner oder privater Körperschaften; sie sind alle mehr oder weniger in die Abhängigkeit vom Souverän geraten und werden in verschiedenen Ländern sogar von ihm geleitet. Der Staat hat es fast ausschliesslich übernommen, den Hungrigen Brot zu geben, den Kranken Hilfe und Unterkunft, den Arbeitslosen Arbeit; der Staat hat sich zum fast einzigen Helfer in aller Not gemacht.

Bei den meisten Völkern unserer Tage ist die Erziehung wie die Wohltätigkeit Aufgabe des Staates geworden. Der Staat empfängt, ja reisst oft das Kind aus den Armen seiner Mutter, um es seinen Dienern anzuvertrauen; der Staat übernimmt es, jeder neuen Generation Gefühle einzuflössen und Vorstellungen zu vermitteln. Die Gleichförmigkeit herrscht in den Studien wie überall sonst; die Mannigfaltigkeit verschwindet wie die Freiheit auch aus ihnen immer mehr.

Weiter scheue ich mich nicht, zu behaupten, dass bei fast allen christlichen Nationen unserer Tage – den katholischen wie den protestantischen – die Religion in die Hände der Regierung zu fallen droht. Nicht etwa, dass die Herrscher sehr begierig wären, das Glaubensdogma selbst festzulegen; aber sie beherrschen mehr und mehr den Willen dessen, der es auslegt: sie nehmen dem Klerus sein Eigentum, setzen ihm sein Gehalt aus und wenden und nutzen den Einfluss des Priesters zu ihrem eigenen Vorteil; sie machen aus dem Priester einen Beamten, oft sogar Knecht und dringen über ihn bis ins tiefste Innere des menschlichen Herzens.

Das ist aber erst die eine Seite des Bildes. Die Gewalt des Souveräns hat sich nicht nur – wie wir gesehen haben – auf den gesamten Bereich der alten Gewalten ausgedehnt; diese Grenzen vermögen sie nicht mehr zu halten; sie überbrandet sie nach allen Seiten und greift auch auf das Gebiet über, das bislang der individuellen Unabhängigkeit vorbehalten war. Eine Menge Vorgänge – und ihre Zahl wächst unaufhörlich – die früher der staatlichen Kontrolle vollkommen entzogen waren, sind ihr heute unterworfen.

Bei den aristokratischen Völkern beschränkte sich die staatliche Gewalt in der Regel darauf, die Bürger in all dem zu leiten und zu überwachen, was in unmittelbarer und sichtbarer Beziehung zum nationalen Interesse stand; sie überliess sie im übrigen gern ihrem freien Willen. Bei diesen Völkern schien die Regierung häufig überhaupt zu vergessen, dass es einen Punkt gibt, in dem die Mängel und Nöte der Einzelnen das allgemeine Wohlergehen beeinträchtigen, zu vergessen, dass es zuweilen eine öffentliche Aufgabe sein kann, den Ruin eines Einzelnen zu verhindern.

Die demokratischen Nationen unserer Zeit neigen zum anderen Extrem. Offensichtlich wollen die meisten unserer Fürsten nicht nur das Volk im Ganzen regieren; man könnte fast sagen, sie fühlen sich für die Handlungen und das ganze persönliche Schicksal ihrer Untertanen verantwortlich und haben es übernommen, jeden von ihnen in den verschiedenen Vorgängen seines Lebens zu leiten und zu beraten, ja ihn notfalls gegen seinen Willen glücklich zu machen.

Die Einzelnen sehen ihrerseits die staatliche Gewalt mehr und mehr im gleichen Lichte; sie rufen sie in allen ihren Nöten zu Hilfe und richten ihre Blicke allezeit auf sie als auf einen Schulmeister oder Lotsen.

Ich behaupte, dass die öffentliche Verwaltung in sämtlichen Ländern Europas nicht nur stärker zentralisiert ist als früher, sondern sich auch inquisitorischer um die Einzelheiten des staatlichen Lebens kümmert; allenthalben dringt sie weiter als früher in das Privatleben vor; immer mehr, immer unbedeutendere Vorgänge regelt sie auf ihre Weise, und sie breitet sich mit jedem Tag mehr aus, neben dem Einzelnen, um ihn herum und über ihm, um ihm beizustehen, ihn zu beraten und zu vergewaltigen. Früher lebte der Souverän von den Einkünften seiner Ländereien oder von dem, was die Steuern einbrachten. Heute, wo seine Bedürfnisse mit seiner Macht gestiegen sind, ist das anders. Unter den gleichen Umständen, unter denen ein Fürst früher eine neue Steuer eingeführt haben würde, nimmt man heute seine Zuflucht zu einer Anleihe. Mit der Zeit wird der Staat so zum Schuldner der meisten Reichen und sammelt in seiner Hand die grössten Vermögen.

Die kleinen verschafft er sich auf andere Weise. In dem Masse, in dem die Menschen sich vermischen und die gesellschaftlichen Bedingungen einander gleich werden, wachsen Mittel, Bildung und Bedürfnisse der Armen. Die Armen kommen auf den Gedanken, ihr Los zu verbessern, und suchen das durch Sparsamkeit zu erreichen. Die Sparsamkeit lässt so mit jedem Tage unendlich viele kleine Vermögen entstehen, die langsam reifenden Früchte der Arbeit; sie nehmen ständig zu. Der grösste Teil bliebe aber unproduktiv, wären die kleinen Vermögen immer verstreut. Dem verdankt eine philanthropische Institution ihr Entstehen, die – wenn ich nicht irre – bald zu einer unserer bedeutendsten politischen Institutionen werden wird. Wohltätige Menschen sind auf den Gedanken gekommen, die Ersparnisse der Armen zusammenzufassen und ihren Ertrag nutzbar zu machen. In einigen Ländern sind diese Wohltätigkeitsvereine vom Staate völlig unabhängig geblieben; in fast allen aber neigen sie sichtlich dazu, sich mit ihm zusammenzutun, ja es gibt einige Länder, in denen der Staat an ihre Stelle getreten ist und die gewaltige Aufgabe übernommen hat, die täglichen Ersparnisse mehrerer Millionen von Arbeitern an einer Stelle zu sammeln und selbständig auszuwerten.

Durch Anleihen verschafft sich so der Staat das Geld der Reichen, und durch die Sparkassen verfügt er nach Belieben noch über den letzten Pfennig der Armen. Bei ihm und in seinen Händen häuft sich der gesamte Reichtum des Landes; und zwar umso mehr, je grösser die Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen wird; denn bei einem demokratischen Volk flösst allein der Staat dem Einzelnen Vertrauen ein, weil nur der Staat ihm einige Macht und Dauer zu besitzen scheint.

So beschränkt sich der Souverän nicht darauf, das öffentliche Vermögen zu verwalten; er greift vielmehr auch auf die privaten Vermögen über; er ist der Vorgesetzte, ja oft der Herr jedes Bürgers, und macht sich darüber hinaus zu dessen Verwalter und Kassenführer.

Die gesamte Publikation finden Sie hier:

Das Recht auf sich selbst

 

Weitere Texe dieser Serie:

Ivan Krastev: «Das antiamerikanische Jahrhundert»

John Stuart Mill: «Von der Denk- und Redefreiheit»

Gerhard Schwarz: «Die Idee Schweiz – der unbehagliche Sonderfall»

Konrad Hummler: «Freiheit und Staatssicherheit nach dem 11. September 2001»

Suzette Sandoz: «Privatheit – ein Grundrecht?»