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“THAT WHICH IS HATH BEEN BEFORE”: Texte, die gut altern

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Welt sich schneller dreht als je zuvor und wir ständig mit neuen Herausforderungen konfrontiert werden. Doch ist das wirklich so? Schon Shakespeare wusste: “That which is hath been before” – was heute ist, war alles schon einmal da, nicht genau gleich, aber oft doch sehr ähnlich. Ein Blick in frühere Publikationen der Progress Foundation zeigt, wie wenig sich die Kernfragen, die uns beschäftigen, und die Antworten darauf verändert haben. In dieser Reihe werden wir daher auf unserer Website verschiedene „Evergreens“ veröffentlichen, ohne Anpassungen an den Zeitgeist oder andere Umformulierungen, die zeigen, wie sehr die Diagnosen und Therapien von gestern auch heute noch als Inspiration dienen können.

Serie
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07.06.2026

Angst essen Aufschwung auf

Rainer Hank setzt der Angst die Gier gegenüber und zeigt, dass wir es an den Finanzmärkten ... vermehrt mit der Angst zu tun haben. Entsprechend zeigen sich bei den Anlegern die wenig konstruktiven Handlungsmuster Paralyse und Panik. Während die Gier den Aufschwung in realitätsferne Höhen treibt, würgt die Angst die Erholung ab. Es wäre so – Rainer Hank – wünschenswert, wenn Angst und Gier gemeinsam, als sich quasi neutralisierende Faktoren, im Anlageverhalten auftreten würden.

Rainer Hank
aus: Guy Kirsch (Hrsg.), Angst vor Gefahren oder Gefahren durch Angst? Zur politischen Ökonomie eines verdrängten Gefühls, NZZ Libro 2005, S. 169 -173

Der weltweite Sturz der Aktienmärkte, die Bilanzskandale bei amerikanischen Unternehmen und eine tiefe Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Konjunktur versetzen viele Menschen in Angst. Den «goldenen neunziger Jahren» folgt eine Zeit der Ernüchterung, die fast schon Züge einer Depression annimmt. Jahre ausufernder Manie («ein Volk von lauter Aktionären») brechen in der Depression zusammen. Ihr Kennzeichen ist nicht nur der Pessimismus. Bedrohlicher noch ist die Angst, Folge einer Vertrauenskrise in die Effizienz der Märkte. Wie lange wird der Crash auf Raten an den Börsen der Welt noch währen? Setzt sich der konjunkturelle Aufschwung durch, oder zieht womöglich die desolate Lage an den Finanzmärkten die aufkeimende Konjunktur rasch wieder nach unten?

Die Angst von heute folgt der Gier von gestern. Die Gier liess die Märkte überschiessen, die Angst treibt sie nach unten: Die Weltbörsen haben gerade ihr Fünfjahrestief erreicht. Der Dow-Jones-Index hat seit Anfang des Jahres [2002] 20 Prozent an Wert verloren; beim Nasdaq, dem Segment des Neuen Marktes, sind es gar Einbrüche von 40 Prozent. Hinzu kommt viel Unsicherheit in einer scheinbar verkehrten Welt: Konjunkturindikatoren zeigen nach oben, aber die Finanzmärkte reagieren mit Kursabschlägen als ob die Investoren selbst das Vertrauen in gute Zahlen verloren hätten.

Das ist noch nicht alles: Selbst die private Alterssicherung ist nicht mehr sicher. Die Pensionsfonds der Amerikaner, deren Altersvorsorge zu 60 Prozent auf Aktien ruht, schmelzen. Der Absturz der Worldcom-Aktie, skandal- und marktgetrieben zugleich, bescherte den künftigen Worldcom-Rentnern des Unternehmens auf einen Schlag Einbussen von 1,1 Milliarden Dollar. Wer sich hierzulande bei Lebensversicherungen frei von Aktienrisiken wähnte, weiss heute: Die Lebensversicherungen haben mit seinem Geld Aktien gekauft, deren geschmolzener Wert jetzt die Überschussbeteiligung der Versicherten mindert.

Das ist das eigentlich Bedrohliche: Das Leben ist nicht mehr kalkulierbar. Risiko, soviel akzeptieren wir, birgt gewiss immer ein Moment der Unsicherheit. Aber Risiken sind versicherbar, mathematisch beherrschbar. Angst hingegen entsteht, wo die Bedrohung nicht in ein Risiko übersetzt werden kann. «Angst», schreibt Sigmund Freud, «ist Ausdruck des Rückzugs vor der Gefahr.» Angst kommt auf angesichts der Ambiguität: Wir wissen nicht, welche Plausibilitäten für welche Wahrscheinlichkeiten der künftigen Entwicklung sprechen. Einer Welt, die mit komplexer Unsicherheit umzugehen gelernt hat, fehlen plötzlich die Kalkulationsgrundlagen der unmittelbaren Zukunft.

Es hat sich eingebürgert, Angst und Furcht zu unterscheiden, obwohl die Alltagssprache dies nicht in trennscharfer Klarheit nachvollzieht: Während die Angst ein diffuses Gefühl der Bedrohung ist, ohne Ziel und Gegenstand, weiss die Furcht von einer identifizierbaren Gefährdung. Der Mensch reagiert mit Angst, wenn er sich Gefährdungen mit nicht bekannten Wahrscheinlichkeiten, also echter Unsicherheit, ausgesetzt sieht, sagt der Fribourger Finanzwissenschaftler Guy Kisch, einer der wenigen Ökonomen, die über Angst arbeiten. Furcht hingegen wäre eine Gefahrensituation, deren Eintrittswahrscheinlichkeit bekannt ist, unsicher, aber berechenbar: Man fürchtet sich vor etwas, doch man hat schlicht Angst.

Angst ist ein höchst prekärer Seelenzustand: Weil die Angst ihren Gegenstand nicht kennt und die Risiken nicht berechnen kann, sind ihre Symptome irrational: Sie artikulieren sich als Panik oder als Paralyse. Tatsächlich bieten die Reaktionen der Märkte in den vergangenen Wochen für beide Irrationalismen hinreichend Anschauungsmaterial. Jeder neue Bilanzskandal, der aufgedeckt wird, führt dazu, dass die Märkte wie mit einer Sonde weitere Unternehmen untersuchen, denen ähnliche kriminelle Tricks zugetraut werden – und diese mit kräftigen Kursabschlägen schon einmal vorsorglich abstrafen. Panik kennt die Psychoanalyse als typische Reaktion einer Phobie, welche wiederum die – nicht angemessene – Antwort auf den Zustand der Angst darstellt. Viele meinen, mit Panik der Angst zu entkommen, dabei kommen sie nur vom Regen in die Traufe und die Angst wird grösser.

Die Paralyse ist nicht minder unangemessen als die Panik. Anstatt rechtzeitig Verluste an den Börsen zu realisieren, stecken die Menschen den Kopf in den Sand – und warten, bis es wieder besser kommt. Nachdem es nun aber weiter schlechter wird, verfestigt sich die Lähmung: Ökonomen der sogenannten Behavioral Economics nennen diese Leugnung der Realität «Verlustaversion». Damit gemeint ist: Die Menschen gehen mit Gewinnen vernünftiger um als mit Verlusten. Verluste wollen sie nicht wahrhaben; Augen zu und durch. Dabei wären die Verluste in besseren Grenzen geblieben, hätten die gebeutelten Anleger sie rechtzeitig zur Kenntnis genommen und reagiert. Angst ist allemal ein schlechter Ratgeber.

Historisch neu ist das alles nicht. Angst und Depression tauchen regelmässig in der Geschichte in der Folge einer Gründerzeit auf. So waren die achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts – nach dem Gründerkrach 1874 – gezeichnet von einer Phase angstvoller Lähmung. Unternehmerischer Geist schwand, der Staat meinte, er sei als sozialpolitischer Interventionist gefragt, und Wachstum wurde auf Dauer gedrosselt. Das wiederholte sich nach dem Schwarzen Freitag 1929, dem eine Zeit folgte, die man die «Grosse Depression» nennt. Beidemal kam nach Jahren der Euphorie, die Unternehmer und Aktionäre an nahezu unbegrenztes Wachstum glauben liess, der jähe Absturz: Eine grosse Zahl von Insolvenzen vernichtete unternehmerische Existenzen.

Anleger glaubten den Renditeversprechen der Unternehmer nicht mehr und bunkerten ihr Geld in sicheren Alternativen. Konsumenten weigerten sich, Geld auszugeben, weil sie in unsicheren Zeiten vor allem sparen zu müssen glaubten. Der wirtschaftliche Abschwung scheint immer dann mit Angst und Depression daherzukommen, also von besonderer psychischer Wucht gekennzeichnet zu sein, wenn er auf einen technologisch getriebenen Aufschwung, eben eine Gründerzeit, folgt. In solchen Gründerzeiten werden Erfindungen gemacht, die den Wohlstand vieler nachfolgender Generationen nachhaltig beeinflussen. Doch in solchen Gründerzeiten schiessen auch die unternehmerischen Hoffnungen vielfach über das Ziel hinaus – und das optimistische Zukunftskapital, das diese Träume finanzieren sollte, verliert seinen Wert. Die Folge: Vertrauen in die Märkte geht verloren. Vertrauen aber ist die wirkungsvollste Grundlage für die Kalkulierbarkeit der Zukunft. Wo Vertrauen bricht, entsteht Angst. Am Ende eines Wirtschaftszyklus technologischer Innovation ist das häufig der Fall.

Auf dem Höhepunkt des Zyklus dagegen spielt häufig die Gier eine Rolle. Gier ist jener lustvolle Drang, aus dem heraus die Menschen sogar kriminelle Energie entwickeln. Dass die Gier eine Verwandte des Geizes ist, wusste schon die theologische Tradition, welche Gier und Geiz als Laster brandmarkte. Doch das negative Urteil über die Gier wiegt schwerer: Deswegen gilt sie als Todsünde, vergleichbar etwa mit der Wollust, dem Jähzorn oder der Trunkenheit. Doch heute verstehen wir, dass auch die Angst eine entfernte späte Verwandte der Gier ist. Angst und Gier haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten: Über beide spricht man nicht gerne.

Erst heute, im nachhinein, ist die Gier jener Manager von Worldcom & Co ans Tageslicht gekommen. Und wir verlangen neue gesetzliche Regelungen, die Anreize zu gierigem Verhalten möglichst einschränken. Aber auf dem Höhepunkt der Gier, von welcher damals nicht nur Top-Manager amerikanischer Aktiengesellschaften, sondern auch viele deutsche Lehrerzimmer, einer Sucht vergleichbar, ergriffen wurden, ist die Gier niemals thematisiert worden. Damals gab es den Traum, reich zu werden ohne Arbeit. Das war der Traum der Gier: Rastlos baggernd hofft sie auf ewigen Reichtum.

Gier und Angst haben freilich noch eine weitere Gemeinsamkeit: Sie sind beides anthropologische Akte der Übertreibung. Die Gier übertreibt das gesunde menschliche Gewinnstreben. Denn nach Gewinn dürfen, ja sollen die Menschen in der Marktwirtschaft ruhig streben. Der Markt selbst ist – seit Adam Smith – jenes Umverteilungsverfahren, welches Egoismus in Wohlstand für alle verwandelt. Übertriebenes Gewinnstreben aber macht blind, und die Gier setzt den Mechanismus der unsichtbaren Hand ausser Kraft: Einige wenige bereichern sich auf Kosten der vielen. Zum Schluss haben Mitarbeiter und Aktionäre das Nachsehen, weil einige wenige ihre Macht in den Dienst der Gier stellten.

Während die Gier das Risiko leugnet, leidet die Angst darunter, Risiken nicht einschätzen zu können; Angst ist eben «Ausdruck eines Rückzugs vor der Gefahr». Sie weicht aus in die Irrationalismen der Panik und Paralyse. Die Angst ist passiver als die Gier, kein Laster, eher eine Last. Doch auch die Angst müsste, verhielte sie sich realitätsgerecht, sich der Übertreibung entledigen und zugleich um eine realistische Einschätzung des Risikos bemühen. Während aus der Gier «normales» Gewinnstreben wird, kommt die Angst zu sich als Sorge, Skepsis oder Furcht – eben eine Furcht, welche um die Eintrittswahrscheinlichkeiten von Gefährdungen weiss, sie also als Risiko vernünftig kalkulieren kann.

Gier und Angst blockieren die Wirtschaft und sind schädlich. Gewinnstreben, gepaart mit Skepsis, ist nützlich. «Be fearful when others are greedy. But be greedy only when others are fearful», lautet eine Börsenweisheit: Wenn die Gier umgeht, lohnt es, ängstlich zu sein, während Gier sich allenfalls empfiehlt, wenn alle anderen ängstlich sind. Dabei ist es fraglich, ob Gier überhaupt eine empfehlenswerte Haltung ist. Die Börsenweisheit enthält indessen einen wichtigen anderen Kern: Es ist verhängnisvoll, dass Gier und Angst sich sukzessive innerhalb eines Technologiezyklus zeigen. Besser wäre es, sie wären gleichzeitig gegenwärtig, als Haltungen des skeptischen Gewinnstrebens und wettbewerbseifernder Sorge. Sie bilden die anthropologische Grundlage des Marktes – und sind allemal besser als der Ruf nach dem Gesetzgeber, der jetzt allenthalben als Ausweg von Gier und Angst erschallt.

Die gesamte Publikation finden Sie hier

 

Weitere Texte dieser Serie:

Ivan Krastev: «Das antiamerikanische Jahrhundert»

John Stuart Mill: «Von der Denk- und Redefreiheit»

Gerhard Schwarz: «Die Idee Schweiz – der unbehagliche Sonderfall»

Konrad Hummler: «Freiheit und Staatssicherheit nach dem 11. September 2001»

Alexis de Tocqueville: «Stärke der souveränen Gewalt»

Suzette Sandoz: «Privatheit – ein Grundrecht?»

Beat Rudin: «Privatheit im Internet»

Richard W. Rahn: «The Case for Financial Privacy»

Walter B. Kielholz: «Angst im Management»