Das 20. Jahrhundert war «das amerikanische Jahrhundert». Als Verfechter von Demokratie und Kapitalismus gewannen die Vereinigten Staaten den Kalten Krieg und wurden die einzige globale Supermacht, in militärischer, ökonomischer wie technologischer Hinsicht und sogar in kultureller. Die immer weitere Verbreitung der englischen Sprache und der Wunsch von Millionen Menschen weltweit, in die Vereinigten Staaten einzuwandern, waren sichtbare Zeichen der amerikanischen Vorherrschaft. Man sagte, die Zukunft sah aus wie ein Land, und dieses Land waren die Vereinigten Staaten von Amerika.
Mit den Terroranschlägen des 11. September 2001 aber war dieses amerikanische Jahrhundert abrupt zu Ende. Und es ist gut möglich, dass man die Ära, in die wir uns jetzt bewegen, als das «Antiamerikanische Jahrhundert» in Erinnerung behalten wird. Der weltweite Aufstieg des Antiamerikanismus ist zu einem Charakteristikum der Zeit nach dem 11. September geworden. Dieser Antiamerikanismus findet seinen Ausdruck in unterschiedlichster Form, von terroristischen Anschlägen auf amerikanische Bürger oder ihr Eigentum bis zu der vermehrten, grundsätzlich negativen Einstellung gegenüber den USA und ihrer Politik in der Weltöffentlichkeit, wie die Zahlen der jüngsten weltweiten Umfrage des Pew Research Centers belegen. Das Verbrennen amerikanischer Flaggen, der Boykott amerikanischer Produkte und Wählermobilisierungen durch hemmungslose antiamerikanische Rhetorik, sind in vielen Teilen der Welt an der Tagesordnung.
Es gibt heute zwei Arten des Antiamerikanismus: mörderischen Antiamerikanismus und Antiamerikanismus «light». Die erste ist der Antiamerikanismus fanatischer Terroristen, die die Vereinigten Staaten, ihre Macht, ihre Werte und ihre Politik hassen – und die bereit sind, zu töten und zu sterben, wenn es den USA nur schadet. Die zweite Variante ist der Antiamerikanismus derer, die ihren Feldzug gegen die Vereinigten Staaten auf der Strasse und in den Medien führen, denen es aber nicht um die Vernichtung Amerikas geht. Die Antwort auf die erste Form kann nur harte Gewalt sein. Bei der zweiten sollte man sich allerdings die Zeit nehmen, sie besser zu verstehen, um eine geeignete, effektive Konterstrategie zu ersinnen.
Es wird mehr und mehr klar, dass Antiamerikanismus nicht nur irgendeine vorübergehende Stimmung ist, und er lässt sich auch nicht einfach nur mit der Unbeliebtheit der Bush-Administration oder der verbreiteten Ablehnung des von den Amerikanern geführten Irakkrieges erklären. Es besteht zunehmend Konsens darüber, dass Antiamerikanismus einen vielfach verwendbaren Rahmen bietet und dass jeder, der versucht, das Phänomen zu analysieren, nicht nur die vielfältigen Ursprünge in allen möglichen Ecken der Welt berücksichtigen sollte, sondern auch verstehen muss, dass es als Mittel für eine Fülle von politischen Zwecken dient.
Einige Beobachter argumentieren zu Recht, dass Antiamerikanismus kein neues Phänomen sei, aber meistens unterschätzen sie die Bedeutung seiner gegenwärtigen Rückkehr. Man könnte sagen, dass die antiamerikanischen Parolen kaum etwas Neues enthalten, entscheidend verändert hat sich aber die Weltlage. Worauf es ankommt, ist nicht, dass Amerika plötzlich ungeheuer unbeliebt geworden ist, sondern dass der «Amerika ist schuld»-Reflex zu politisch korrektem Verhalten geworden ist, selbst unter Amerikas engsten Verbündeten.
Antiamerikanismus ist in der Zeit nach dem Kalten Krieg zu einem Mittel der Politik geworden. Vom Kommunismus abgekoppelt, der ihm eine gewisse Kraft verlieh, aber seinen Reiz auch in Grenzen hielt, hat sich der Antiamerikanismus heute mehr als je zuvor seinen Weg in den Mainstream der Weltpolitik gebahnt. In gewissem Sinne sind wir an Francis Fukuyamas «End of History» angelangt, weil es der Demokratie und dem Kapitalismus an ernstzunehmenden ideologischen Gegnern fehlt. Aber was wartet auf uns am Ende der Geschichte? Antiamerikanismus. Er ist zu dem Zylinder eines Zauberers geworden, in dem alle möglichen Bruchstücke verschiedener Ideologien, Ängste und politischer Strategien zusammenkommen und zu neuem Leben kombiniert und recycelt werden. Die Faszination des Antiamerikanismus reicht dabei über jedes Rechts-Links-Schema hinaus und funktioniert bei ängstlichen Regierungen genauso gut wie bei einer wütenden Öffentlichkeit. Er kann als eine Allzweck-Ideologie verstanden werden – und daher erleben wir nicht nur den Anstieg des einen Antiamerikanismus, sondern vieler Antiamerikanismen. Er passt seine Gestalt dem jeweiligen politischen Kontext an. Er kann prodemokratische Kraft in der Türkei und antidemokratische Triebfeder in Zentral- und Osteuropa sein.
So bleibt jeder Versuch, eine allgemeine Erklärung für die verschiedenen derzeit anzutreffenden antiamerikanischen Stimmungen zu finden, zum Scheitern verurteilt. Die beliebte These, Amerika werde gehasst, weil es dem Islam feindlich gesinnt sei, mag stimmen, sofern sie auf den Nahen Osten angewandt wird, aber sie greift nicht im Fall des Balkans, wo die USA gerade wegen ihrer proislamischen und proalbanischen Haltung verhasst sind. In islamisch-fundamentalistischen Kreisen werden die Vereinigten Staaten als Verkörperung der Moderne gegeisselt, die Europäer dagegen beschuldigen sie, nicht modern (oder postmodern) genug zu sein – weil die Amerikaner an der Todesstrafe festhalten und zu sehr an Gott glauben. Amerika wird genauso unterstellt, die Welt zu globalisieren, wie sich einer Globalisierung «unilateral» zu widersetzen.
Der Zusammenhang zwischen der Rückkehr des Antisemitismus in Europa und dem Aufstieg des Antiamerikanismus kann ebenfalls unterschiedlich interpretiert werden. Üblicherweise kann man von der Haltung zu den USA auf die Einstellung zu Israel schliessen und umgekehrt. So liegt die Vermutung nahe, dass ein guter Teil der europäischen Rechten antiamerikanisch ist, weil die USA als projüdisch und proisraelisch gelten. Betrachtet man die europäische Linke, ist die Erklärung komplizierter, denn dort haben sich wohl nicht die Antisemiten gegen Amerika gewendet, sondern aus Linken sind aufgrund ihrer dezidierten Abneigung gegen Amerika Antizionisten und Antisemiten geworden.
Die Bestimmung des Unfassbaren
Wann man es mit Antiamerikanismus zu tun hat, ist kaum fassbar. Nicht jede Kritik, die an amerikanischen Werten oder Politiken laut wird, kann oder soll mit diesem Etikett versehen werden. Opposition gegen amerikanische Regierungspolitik kann mit Sicherheit nicht als antiamerikanisch qualifiziert werden. Aber jegliche Politik abzulehnen, nur weil sie von der amerikanischen Regierung gutgeheissen wird, kommt einer Definition ziemlich nahe. Der Trick besteht darin, den mitunter feinen Unterschied zwischen beiden Spielarten in der Realität zu erkennen. Antiamerikanismus ist systematischer Widerstand gegen Amerika als Ganzes. Er ist Kritik an den Vereinigten Staaten, die über die Meinungen zu konkreten politischen Zielen oder zu Regierungsentscheiden weit hinausgeht.
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