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31.03.2026

Das Wohlbehagen im Kleinstaat

Als Hort der Stabilität erweist sich die Schweiz in der gegebenen Weltlage einmal mehr als einzigartig.

Konrad Hummler
Private Client Letter

Derzeit brennt’s lichterloh draussen in der weiten Welt. An den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine hat man sich fast schon ein wenig gewöhnt und vertraut darauf, dass die einen nur zentimeterweise vorzurücken in der Lage sind und dies erst noch unter brutalen eigenen Verlusten. Dass die anderen mit nie erwarteter Tapferkeit und Raffinesse ihre Heimat verteidigen. Und dass sie damit Mittel- und Westeuropa besser vor einer raschen Russifizierung schützen, als es die Nato je noch wird tun können.

Im Mittleren Osten brennen Öltanker und Raffinerien. Iran könnte sich als Hydra mit rasch nachwachsenden Köpfen erweisen. Die Schliessung der Strasse von Hormuz würde dann länger dauern als erwünscht und geplant. Mit allen Folgen am Erdölmarkt, in einem Teuerungsschub rund um den Globus, beim Weltwirtschaftswachstum und bei der Versorgung der hochverschuldeten USA mit Petrodollar.

Immer dann, wenn Komplexes in der Welt draussen geschieht, ertönt in der Schweiz der Ruf nach Anlehnung des Landes an die Mächtigeren, zurzeit vorzugsweise an die Europäische Union. Zur Bewältigung der anstehenden Probleme erheische es stärkerer Muskeln und grösseren Standvermögens, als wir sie hätten.

Das «Unbehagen im Kleinstaat» hat Tradition in unserem Land. Anfangs der 1960er-Jahre wurde der Begriff durch den Literaturprofessor (und Generalstabsoberst) Karl Schmid geschaffen, damals als positiver Antrieb verstanden, infolge der gegebenen Kleinheit mehr zu leisten und kreativer als andere zu sein. Der Schriftsteller Max Frisch kehrte dies ins Negative; für ihn war das «Unbehagen im Kleinstaat» Ausdruck seiner eigenen Frustration, im eigenen Land über ein zehnmal kleineres Publikum zu verfügen als im grösseren nördlichen Nachbarland – und erst noch über ein Publikum aus mehrheitlich Spiessbürgern und Kleingeistern.

Seither geistert das Unbehagen durch die schweizerische Gesellschaft und kursiert namentlich unter Politikern fast aller Couleurs und den Berner Verwaltungsbeamten, für die die Schweiz allzu eng und träge erscheint. Vorläufige Krönung dieser Sichtweise ist das Abkommen, mit dem Bern seine Beziehungen zur Europäischen Union regeln will. Man ist bereit, wesentliche komparative Vorteile, wie sie sich aus direkter Demokratie und Föderalismus ergeben, zugunsten nicht wirklich ersichtlicher wirtschaftlicher Vorteile zu opfern.

Wie auch immer man diesem konkreten Ansinnen gegenübersteht, eines ist klar: Kleinheit hat eigentlich durchaus Vorteile. Ameisen sind erfolgreichere Lebewesen als Buckelwale. Sie werden auch die nächste und übernächste Klimakatastrophe überleben. Der Grund dafür liegt in der Mathematik. Fläche wächst quadratisch, Volumen kubisch, Komplexität, gemessen an den Schnittstellen zwischen verschiedenen Eckpunkten im Vieleck, ebenfalls exponentiell. Wenn Fläche, Volumen und Komplexität gleichbedeutend ist mit der Anzahl und Bedeutung zu lösender Aufgaben und Probleme, dann hat Grösse nur Nachteile.

Zugegeben: Wo Macht und Menge zum Tragen kommen, mag Grösse Vorteile haben. Der Kleine kann sie aber durch Wendigkeit und Intelligenz, gegebenenfalls Schlauheit, kompensieren. David siegte gegen Goliath.

Das Land Schweiz hat, all seinen vorhandenen Defekten zum Trotz, manch katastrophale Zeiten überstanden. Man sollte es nicht vorschnell klein machen, nur weil es flächenmässig klein ist. Als Hort der Stabilität erweist sich die Schweiz in der gegebenen Weltlage einmal mehr als einzigartig. Daran werden sich derzeit wohl auch all jene erinnern, die erst kürzlich ihr Domizil an die Strasse von Hormuz oder an die Meerenge von Malakka verlegt haben.

— KH, 31.03.2026

Dieser Beitrag erschien erstmals am 31. März 2026 im Private Client Letter und wird hier mit seiner freundlichen Genehmigung publiziert.