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09.08.2025

«Man muss seine besten Freunde desavouieren»: Der Ex-Bankier Konrad Hummler erkennt eine Logik in der Attacke auf die Schweiz

Die Politik von Trump sei nur scheinbar chaotisch, tatsächlich folge sie einem genauen Kalkül, sagt Konrad Hummler. Das erkläre auch, warum die Schweiz eine Spezialabreibung erhält.

Konrad Hummler im Interview mit Guido Schätti
NZZ

Die klassizistische Villa vor den Stadtmauern St. Gallens war einst ein Kasino. Heute beherbergt sie die Bach-Stiftung, einen Think-Tank – und die Reste der Bank Wegelin. Die älteste Bank der Schweiz wurde 2012 von den USA wegen Steuerdelikten angeklagt. Konrad Hummler verlor sein Lebenswerk.

Dass er die USA damals unterschätzt habe, sei der Kardinalfehler seines Lebens gewesen, sagt der Hausherr. Nach Wegelin knöpfen sich die Amerikaner heute die Schweiz vor. Hummler erkennt darin Parallelen zum Steuerstreit.

Herr Hummler, Sie haben 2009 als Teilhaber der Bank Wegelin vor dem aggressiven Potenzial der USA gewarnt. «It’s time to say goodbye», schrieben Sie damals und rieten Anlegern, den Abschied von Amerika zu vollziehen.

Meine Warnung bezog sich auf die Erbschaftssteuer der USA. Das ist bis heute eine offene Flanke für Anleger weltweit. Denn die Amerikaner können – sofern kein umfassendes Doppelbesteuerungsabkommen vorliegt – diese Steuer auch auf Vermögen von Nichtamerikanern erheben.

2012 bekamen Sie die Aggressivität der USA selber zu spüren. Die USA klagten die Bank Wegelin wegen Steuerdelikten an, was das Ende der Bank bedeutete. Haben Sie Ihren eigenen Ratschlag zu wenig ernst genommen?

Aus heutiger Sicht: ja. Das entscheidende Versäumnis erfolgte aber früher. Bereits bei den Untersuchungen zu den jüdischen Vermögen in den 1990er Jahren war unsere Bank betroffen. Man fand absolut nichts, doch die Anwaltskosten haben uns eine Million gekostet. Damals sass ein amerikanischer Anwalt bei uns und sagte: «This is a criminal investigation.» Da hätte ich begreifen müssen, dass die USA ihre Rechtsauffassung auch in der Schweiz durchsetzen. Dass ich nicht schaltete, war der Kardinalfehler meines Lebens.

Wegelin betreute wie andere Banken amerikanische Kunden mit unversteuerten Vermögen. Warum wurde nur sie angeklagt?

Wegelin war die älteste Bank der Schweiz, mit starkem Wachstum – das nicht nur Freunde geschaffen hat. Ich selbst war öffentlich sichtbar, habe Dinge ausgesprochen, die andere höchstens dachten. Und: Wir waren nicht systemrelevant. Ob es die Bank gibt oder nicht, war für das Finanzsystem egal. Zusammen mit unserer Rechtsform der unbeschränkten persönlichen Haftung hat uns das zur idealen Zielscheibe gemacht.

Heute befindet sich die Schweiz in derselben Situation wie Wegelin.

Ich habe in vielerlei Hinsicht ein Déjà-vu. Die Schweiz ist das ideale Opfer. Auch heute wird ein Exempel statuiert – an einem kleinen und erfolgreichen, aber nicht systemrelevanten Land. Die USA können die Schweiz mit Strafzöllen belegen, ohne eine Wirtschafts- und Finanzkrise auszulösen.

Sie haben sich die Schweiz gezielt ausgesucht?

Dass Trump Keller-Sutter beim Telefongespräch am 31. Juli auflaufen liess, lag sicher nicht daran, dass er einen schlechten Tag hatte. Das war geplant. Es war auch kein Zufall, dass die Schweiz schon am 2. April die höchsten Zölle erhalten hatte. Die USA haben sie herausgepickt, um der Welt zu zeigen, dass sie bereit sind, richtig eklig zu werden. Das Bild der Gnomen von der Bahnhofstrasse, das man sich in den USA von der Schweiz macht, spielt natürlich auch eine Rolle. «Who cares? Die haben genug Geld, die können ruhig zahlen», das ist die Überlegung.

Wie kommt die Schweiz da heraus?

Entscheidend ist, dass wir erkennen: Es ist kein Unfall, es ist Strategie. Man muss versuchen, das Denken der anderen Seite zu verstehen – auch wenn es absurd erscheint. Wer nur den Kopf schüttelt und sich lustig macht über die Zahlenakrobatik, versteht nichts und wird verlieren. Das Handelsbilanzdefizit ist die Währung, die für die USA zählt. Die Berechnungen sind fragwürdig, aber die politische Wirkung ist real.

Die Schweiz sieht sich als «sister republic» der USA, die eine «special relationship» geniesst. Die Erfahrungen der letzten dreissig Jahre zeigen aber, dass dies eine einseitig schweizerische Sicht ist. Warum täuschen wir uns immer wieder?

Weil wir geliebt werden wollen. Unser Land hat ein tiefes Bedürfnis nach Empathie – vielleicht, weil wir immer verschont wurden und weil es uns so gut geht. Daraus entsteht fast so etwas wie eine Psychose. Man fürchtet, ein Trittbrettfahrer zu sein, ein Profiteur – und sucht deshalb umso mehr nach Anerkennung. Aber das entspricht nicht der Realität der Welt.

Im Steuerstreit 2012 haben die USA die Aggression noch moralisch verbrämt als Kampf für Steuergerechtigkeit. Heute kommt sie offen daher.

Es geht ums Geld, um nichts anderes. Die USA haben zwei massive Probleme: ihre exorbitante Staatsverschuldung und die Deindustrialisierung. Fährt man mit dem Zug von New York nach Washington, sieht man eine industrielle Wüste. Früher war das eine blühende Industrielandschaft. Einerseits will man das Haushaltsdefizit senken, andererseits die Industrie zurückholen.

Kann das funktionieren?

Ich zweifle daran. Der Aufbau einer Industrie ist kein Schalter, den man einfach umlegt – da stecken Jahrzehnte an Ausbildung drin. Zudem erfordert ein solcher Prozess Vertrauen in die Eigentumsrechte und die Rechtssicherheit. Das wird aber gerade systematisch zerstört. Als Unternehmer hätte ich heute grösste Bedenken, in New Jersey eine Maschinenfabrik zu bauen.

Der Plan ist also zum Scheitern verurteilt?

Nicht vollständig. Aus sicherheitspolitischen Gründen brauchen die USA eine Industrie. Sie haben sich viel zu stark in die Abhängigkeit von China begeben. Globalisierung bedeutete lange: Die einen produzieren, die anderen konsumieren. Das schafft gefährliche Abhängigkeiten. Es ist verständlich, dass die USA das Rad zurückdrehen wollen.

Sie schreiben in Ihrer jüngsten Schrift, die Zerstörung der internationalen Ordnung durch Trump sei weder eine Laune noch Dummheit, sondern Teil eines Masterplans.

Genau. Das übergeordnete Ziel ist, dass die USA ihre Rolle als Hegemon loswerden wollen, weil sie die Kosten als Hüter der globalen Ordnung nicht mehr tragen können. Das entspricht dem Denken von Leuten wie Peter Thiel und Elon Musk. Im Zentrum steht der Rückzug auf den amerikanischen Kontinent. Ziel ist ein autoritär geführter, schlanker Staat, der sich selbst genügt. Diese Idee hat eine lange Geschichte – auch im 19. Jahrhundert gab es diese Doktrinen. Jetzt gewinnen sie wieder an Einfluss.

Die USA könnten Europa einfach sagen: «Ab 2030 müsst ihr eure Sicherheit selbst finanzieren.» Das Chaos ist völlig unnötig.

Hegemonialmacht gibt man nicht geordnet ab. Der Abstieg erfolgt selten geregelt. Es braucht eine Chaos-Strategie, man muss die besten Freunde desavouieren und ihr Vertrauen zerstören, um das Ziel zu erreichen. Sonst werden sie die Rolle nicht los. Das ist der Kern meiner These. Alle grossen Reiche endeten in einer langen Agonie. Trumps Vordenker wollen das verhindern. Sie wollen aktiv den Rückzug vorantreiben, indem sie der ganzen Welt zu verstehen geben: Auf die USA ist kein Verlass mehr.

Funktioniert das?

Rein empirisch gesehen: ja. Die USA verfolgen diese Strategie sehr konsequent und erfolgreich. Sie haben bei ihren Nachbarn Mexiko und Kanada angefangen und sich danach fast alle wichtigen Staaten vorgeknöpft. Die Einzigen, die bislang verschont blieben, sind die Israeli.

Immerhin bekamen die EU und andere Länder einen Deal.

Er wird keinen Bestand haben. Die EU wird die in Schottland gemachten Versprechen nie einhalten können. Es ist völlig klar, dass Trump darauf mit neuen Zöllen reagieren wird. Es ist eine Kette kalkulierter Vertrauensbrüche. Der Deal ist nur eine Episode bis zur nächsten Eskalation.

Wie sehen Sie die Figur Trump? Ist er ein verkapptes Genie mit einem grossen Plan, oder ist er der nützliche Idiot seiner Hintermänner?

Beides. Trump ist ein gewiefter Machtpolitiker, sonst wäre er nie so weit gekommen, aber er ist kein Intellektueller. Ich glaube nicht, dass er die Ideen seiner Vordenker wirklich versteht, geschweige denn ihre Schriften gelesen hat. Der Plan der Heritage Foundation umfasst 800 Seiten.

Die Selbstzerstörung der USA wäre demnach Teil dieses Plans?

Ja. Samt Wiedergeburt.

Wo liegen die Grenzen?

Bei der Finanzierung der Staatsschulden. Den Kapitalmarkt, insbesondere den Bondmarkt, hat die Regierung nicht im Griff. Das ist ihre Achillesferse. In den Tagen nach dem «Liberation Day» vom 2. April hat man dies gesehen, allerdings nur in Ansätzen. Noch sind die Risikoaufschläge bescheiden. Das Problem der Schweiz ist, dass sie für den Bond-Markt irrelevant ist.

Warum reagieren die Aktienmärkte nicht?

Weil sie anders funktionieren. Der Bondmarkt ist nur auf die Frage ausgerichtet, ob die Schulden zurückbezahlt werden. Die Aktienmärkte sind hingegen multioptional. Da spielen technologische Neuerungen, geopolitische Einschätzungen, Produktivitätserwartungen und vieles mehr rein. Derzeit überlagern die KI und die damit verbundenen Hoffnungen auf Produktivitätssprünge die politischen Risiken.

Die Schweiz muss also hoffen, dass der Bondmarkt ins Trudeln gerät?

Davor würde ich warnen. Wenn dort das Vertrauen schwindet, dann gute Nacht. Diese Krise würde uns massiv betreffen. Wir können nicht darauf hoffen, dass wir am Schluss automatisch als Gewinner dastehen. Das Ganze wird auch nicht wie ein Sommergewitter vorüberziehen. Die Kräfte, die den Bruch mit der alten Ordnung wollen, sind zu stark und zu breit, und sie gehen weit über die Person Trump hinaus.

Wird die Demokratie in den USA abgeschafft?

Das glaube ich nicht. Es gibt zwar starke Kräfte im Umfeld von Trump, die genau dieses Ziel verfolgen. Die demokratischen Institutionen in den USA sind aber enorm widerstandsfähig, haben einen Bürgerkrieg und zwei Weltkriege überstanden. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in den USA eine antidemokratische neue Staatsform entsteht.

Sie glauben an die Rückkehr zu Recht und Ordnung auf dem internationalen Parkett?

Ich messe diesem Szenario eine gewisse Wahrscheinlichkeit bei. Letztlich hat sich die regelbasierte globale Ordnung bewährt, sie hat die enormen Wohlstandsfortschritte in China oder Afrika erst ermöglicht. Wir können nur hoffen, dass die chaotische Phase, die wir heute erleben, nicht zu lange dauert.

Wie übersteht die Schweiz diese Phase?

Wir müssen uns warm anziehen, energiepolitisch und sicherheitspolitisch müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Auf Dummheiten wie eine 13. AHV-Rente, bei der die Mittel nur in den Konsum fliessen, sollten wir verzichten.

Anders als die USA kann sich die Schweiz nicht einfach in ihre Grenzen zurückziehen. Sie lebt von der Exportwirtschaft. Der Zollkrieg bedroht das Geschäftsmodell der Schweiz.

Unsere besten Unternehmen sind so gut positioniert, dass sie selbst bei Strafzöllen konkurrenzfähig bleiben. Schauen Sie nur hier in der Ostschweiz: Die SFS Group in Heerbrugg liefert Schrauben für iPhones, die sonst niemand herstellen kann. Die Kuk Electronic AG in Appenzell produziert die Spulen der Lautsprecher von Smartphones. Die Firmen müssen so gut sein, dass die Produkte gekauft werden, egal, was passiert.

Das wird schwierig bei Zöllen von 39 Prozent. Mit dem starken Franken beträgt der Aufschlag in den USA gegen 50 Prozent.

Wir haben keine Wahl: Man muss sich so positionieren, dass die Nachfrage nicht vom Preis abhängig ist. Eine Rolex ist eine Rolex. Sie lässt sich nicht durch ein anderes Produkt ersetzen. Wenn sie mehr kostet, kostet sie eben mehr. Aber es ist klar: Dafür muss man sich unglaublich anstrengen.

Die politische Schwäche der Schweiz wird zu einem Handicap für die Wirtschaft. Werden die Firmen in Länder ausweichen, die ihnen mehr Schutz vor Übergriffen bieten?

Ich rechne nicht mit einer grösseren Abwanderung. Die grösseren Firmen verfügen längst über Standorte in der EU und den USA. Sie haben die Risiken besser im Griff, als wir denken.

Ein Abkommen mit der EU, das uns einen geregelten Zugang zum Binnenmarkt garantiert, liegt auf dem Tisch. Sollte sich die Schweiz enger an die EU binden?

Wir müssen uns gut überlegen, welchen politischen Preis wir für den Zugang zum Binnenmarkt zahlen wollen. Denn dieser Binnenmarkt existiert in dieser Form gar nicht.

Wie kommen Sie darauf?

Die Handelshemmnisse durch nationale Unterschiede innerhalb der EU liegen im Bereich von 40 bis 50 Prozent – damit übersteigen sie sogar die Zollhürden der USA. Dies hat eine Studie des IWF kürzlich gezeigt. Sie wurde in der Schweiz leider kaum beachtet. Wenn der Binnenmarkt eine Chimäre ist, dann ist es der Zugang auch.

Immerhin hält sich die EU im Unterschied zu den USA an Regeln.

Ich würde das nicht überschätzen. Die EU setzt ihre eigenen Regeln nicht durch, und zwar im steigenden Ausmass. Die Maastrichter Kriterien sind nur ein Beispiel dafür, dass sich die Mitglieder um die Regeln foutieren. Auch von der Leyens Klimapolitik hat sich als warme Luft herausgestellt. Die Regelbasiertheit der EU ist sehr relativ.

Sie bleiben also Europaskeptiker.

Europa ist ein wunderbarer Kontinent – mit der weltweit grössten Kreativität und Vielfalt. Aber die Institution EU ist bürgerfern, demokratisch wenig legitimiert und nicht resilient genug, um den Herausforderungen zu begegnen. Die sicherheitspolitische Frage kann sie in ihrer heutigen Form nicht bewältigen. Das geht nicht mit einer Kommission, die im luftleeren Raum schwebt. Das Überleben der EU ist alles andere als gesichert.

Dieser Artikel ist erstmals am 9.August in der NZZ erschienen und wird hier mit freundlicher Genehmigung wiederegegeben.