Herr Adamovich, Sie haben vor kurzem gemeinsam mit Konrad Hummler den viel beachteten Denkanstoss «Vom Umgang mit Amerika» veröffentlicht, in dem Sie das aussenpolitische Verhalten der Vereinigten Staaten einer grundsätzlichen Analyse unterziehen. In Europa gilt als ausgemacht, dass der amerikanische Präsident irrational und erratisch handelt. Ist das ein realistisches Urteil – oder ein Spiegel europäischer Wunschbilder?
Es gehört schon ein gutes Stück Naivität dazu, zu glauben, all dies sei irrational und erratisch. Mehr noch: Es ist eine sträfliche Unterschätzung des Willens und der Fähigkeiten der amerikanischen Politik, die Rolle der USA in der Welt neu zu definieren. Wir sollten uns alle darauf einstellen.
Sie sprechen von Strategie, wo viele nur Chaos sehen. Was genau weist denn auf ein planvolles Vorgehen hin?
Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen hat es detaillierte Vorbereitungsarbeiten für die zweite Administration Trump gegeben. Basis dafür war die rund 900 Seiten starke Schrift «Mandate for Leadership» des Project 2025, ein umfassender politischer Leitfaden der Heritage Foundation, der als Handlungsanweisung für eine republikanische Regierung ab 2025 dient. Auf dieser Grundlage unterzeichnete Präsident Trump in seinen ersten 100 Tagen knapp 140 «Executive Orders» mit teilweise weitreichenden Konsequenzen – das ist im historischen Vergleich einzigartig.
Dennoch wirkt Trumps Politik radikal – will er tatsächlich im Alleingang die aussenpolitische Rolle der USA neu schreiben?
Anzeichen für fundamentale Veränderungen in der globalen Rolle der Vereinigten Staaten gibt es schon lange. Sie sind auch keine Erfindung der republikanischen Partei. So wurde bereits vor über 10 Jahren unter Präsident Obama klar kommuniziert, dass die USA nicht mehr bereit seien, Weltpolizist zu spielen.
Die USA haben diese Rolle über lange Zeit aber auch gerne übernommen.
Das stimmt und sie haben davon sicher auch Vorteile gehabt. Sie waren allerdings gleichzeitig «Lender of Last Resort» für die Welt, und zwar mit den eigenen Mitteln, also mit US-Steuergeldern und dem Leben von US-Soldaten. Das ist nicht gratis und gilt unabhängig davon, ob diese Rolle bewusst gesucht wurde oder nicht.
Was treibt diesen Rückzug – nüchternes Kalkül oder der Druck eines Landes, das sich seine Rolle in der Welt nicht mehr leisten kann?
Die Lasten für den Staatshaushalt nehmen zu, Verschuldung und Schuldendienst steigen und die Deindustrialisierung wichtiger Regionen des Landes ist inzwischen weit fortgeschritten. Wesentliche Teile der Wählerschaft – und auf diese kommt es an – sind unzufrieden.
Dann ist es für die Vereinigten Staaten ein Akt der Befreiung?
Ja, so kann man es ausdrücken, zumindest, was den ökonomischen Aspekt angeht. Seit Jahrzehnten wird implizit oder explizit auf die Vereinigten Staaten zurückgegriffen, wenn geopolitisch Not am Mann ist. Offensichtlich wollen oder können die Vereinigten Staaten dies nun nicht mehr und damit ist der Rückzug ökonomisch sicher ein Akt der Befreiung.
Trumps Versprechen lautet «Make America Great Again» – der Satz behauptet Grösse und gesteht zugleich ihren Verlust ein. Was sagt er über das heutige Amerika?
Donald Trump ist unter dem Slogan «Make America Great Again» angetreten. Zumindest implizit ist das ein Eingeständnis, dass Amerika nicht mehr «Great» ist und etwas Fundamentales passieren muss. In Zeiten grosser Unsicherheit ist es nicht überraschend, dass man sich stärker mit sich selbst beschäftigt, zumal der Isolationismus in diesem riesigen Land eine lange Tradition hat.
Laut dem Internationalen Währungsfonds baut auch die EU eigene, interne Handelshemmnisse auf, die Zöllen von bis zu 45 % auf Industrie und über 100 % auf Dienstleistungen entsprechen. Ziehen sich also beide Grossräume, die EU wie die USA, aus der Globalisierung zurück – nur mit unterschiedlicher Rhetorik?
Wenn man den Begriff «Globalisierung» nur im engeren Sinne nutzt – also als Absenz oder Abbau von tarifären und nichttarifären Handelshemmnissen, dann gibt es natürlich auf beiden Seiten des Atlantiks Anzeichen eines Rückzugs in Sachen Freihandel. Die Rhetorik mag unterschiedlich sein, aber eine gewisse Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität ist gerade im Fall der EU nichts wirklich Neues.
Und wenn man den Blick weitet – jenseits von Handel und Zöllen?
Generell werde ich den Eindruck nicht los, dass der Begriff der «Deglobalisierung» etwas überstrapaziert wird. Im weiteren Sinne ist die Globalisierung nämlich unaufhaltsam, schon alleine durch den technischen Fortschritt im Bereich Transport und Kommunikation. Dieser wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus, auf Wirtschaft und Politik, aber auch auf Kunst und Kultur.
Europa kommt in Ihrem Text nicht gut weg: intellektuell bequem, sicherheitspolitisch abhängig, institutionell überfordert. Ist das Projekt Europa in Ihren Augen zu sehr mit moralisierender Rhetorik beschäftigt – und zu wenig mit strategischer Selbstbehauptung?
Wer mit offenen Augen und Ohren durch Europa reist, stellt fest, dass die Unzufriedenheit gross ist. Auch die Wahlergebnisse in praktisch allen europäischen Ländern sprechen für sich. Mir ist bei der Erarbeitung unseres Thesenpapiers allerdings nochmals bewusst geworden, dass es aus amerikanischer Perspektive gar nicht wirklich um Europa geht.
Mit anderen Worten: Europa ist gar nicht Adressat, sondern eher Kulisse?
Auch wenn man es hier ungern hört: Europa ist geopolitisch und ökonomisch nicht mehr das Zentrum der Welt. Das wollen viele in ihrer eurozentrischen und moralisch aufgeladenen Weltsicht noch nicht wahrhaben. In unserem Papier ging es eigentlich auch nur am Rande um Europa, so dass Ihre Wahrnehmung wohl eher ein Kollateraleffekt ist als eine von uns explizit beabsichtigte Aussage. Das kann aber auch eine Chance sein – vielleicht löst ja die Entwicklung doch noch einen Ruck zu mehr Realismus in Europa aus.
Was bedeutet das für einen Staat wie die Schweiz?
Grundsätzlich dasselbe wie für alle anderen Länder: Man sollte darauf achten, dass der eigene Stall in Ordnung ist, und zwar von den Gemeinden an aufwärts. Wir haben dabei in unserem Land institutionell, ökonomisch und politisch bessere Voraussetzungen als die meisten anderen Länder der Welt. Das heisst aber noch lange nicht, dass wir uns auf unserer Pole Position ausruhen können. Und wir sollten darauf achten, dass wir möglichst handlungs- und entscheidungsfähig bleiben.
Im grösseren Zusammenhang stellt sich die Frage, wohin sich die internationale Ordnung bewegt. Sie zeichnen drei mögliche Zukunftsbilder: eine Aufteilung der Welt in Einflusszonen, einen erneuerten Multilateralismus und eine Phase wachsender Unordnung. Welche dieser Entwicklungen erscheint Ihnen am wahrscheinlichsten – und welche wäre die gefährlichste Illusion?
Realistisch sind sie alle, sonst hätten wir sie nicht formuliert. Die gefährlichste Selbsttäuschung wäre die Wette auf eine Rückkehr zum Multilateralismus. Falls das in einer reformierten und damit besseren Fassung 2.0 käme, könnten wir uns alle freuen. Sollte das jedoch nicht eintreten, könnte es in unseren bequemen, meist überschuldeten Wohlfahrtsstaaten deutlich ungemütlicher werden. Genügend Anzeichen dafür gibt es.
Sie kommen zum Schluss, dass kleine, offene Staaten künftig stärker auf eigene Handlungsfähigkeit angewiesen sein werden. Wie soll die Schweiz aus Ihrer Sicht konkret vorgehen?
Die Schweiz hat seit Jahrhunderten viel Erfahrung mit dem Überleben zwischen Grossmächten. Im Ausland wird das oft als «Rosinenpickerei» oder «Widerborstigkeit» wahrgenommen. Aber letztlich ist es genau dieses ständige Ringen zwischen Freiheit und Anpassung, dem die Schweiz ihre Existenz verdankt – erst das macht sie zu dem souveränen, erfolgreichen Staat, der sie ist.
Mit anderen Worten: Man sollte sich also von der Aussensicht nicht zu sehr irritieren lassen?
Ganz genau. Konkret muss es vor allem darum gehen, das eigene Haus in Ordnung zu halten (bzw. zu bringen). Dazu gehören insbesondere gute Bedingungen für Wirtschaft und Innovation, eine finanziell gesunde öffentliche Hand auf allen Ebenen, verlässliche Institutionen, ein schlanker Staat mit möglichst wenig Bürokratie, eine schlagkräftige Armee, ein verlässliches, übersichtliches und selbstbestimmtes Rechtssystem und nicht zuletzt eine stabile Währung.
Hierzulande hört man oft: Uns geht es doch eigentlich ganz gut. Wie viel Wahrheit steckt in dieser Selbstzufriedenheit?
Wir zeigen gerne auf andere Länder, wo diese Dinge noch weniger gegeben sind als bei uns. Dabei sollten diese nicht der Massstab sein: In der Schweiz gibt es eine Menge Handlungsbedarf, man denke an das Rentensystem, die Verteidigung und vieles andere. Ich habe den Eindruck, dass auch wir inzwischen vielfach bequem und ängstlich geworden sind. Dabei sollten wir intensiv an unserer Fitness arbeiten, um für turbulentere Zeiten gewappnet zu sein.
Zum Schluss: Wenn Sie jungen Menschen einen Rat geben müssten, wie sie in dieser «grossen Unordnung» bestehen können – was wäre das Wichtigste? Flexibilität, Eigenständigkeit, Entschlusskraft… oder etwas anderes?
Flexibilität, Eigenständigkeit, Entschlusskraft und auch etwas Mut lassen sich alle unter dem Begriff der Fitness zusammenfassen – das gilt für Jung und Alt, für Kollektive und Individuen. Und konkret an die Jungen: Falls Sie die Wahl haben, entweder in ein steuerbegünstigtes Rentenprodukt bei einer Bank (Stichwort: Säule 3a) oder in Ihre Ausbildung zu investieren, wählen Sie die Ausbildung. Oder das eigene Unternehmen. Oder investieren Sie in gute Freundschaften. Ausbildung, Erfahrung und gute Kontakte sind in einer grossen Unordnung mehr wert als Pensionsversprechen von Staaten und Banken. Sie ermöglichen am ehesten eine selbstbestimmte Reaktion auf grosse Veränderungen.
Dieses Interview ist erstmals am 28. Juli auf der Webseite des IWP erschienen und hier mit freundlicher Genehmigung wiedergegeben.